Eine Waldstadt
mit eigener Identität
Ausgangslage
Zwei waldumgrenzte Grundstücke im Norden von Schaffhausen, unterschiedlich in Grösse und Charakter, sollen baulich neu bespielt werden. Es entsteht eine Architektur der Vielfalt und Massstäblichkeit, die nicht urban, sondern selbst Landschaft ist. Die Einheit, aus der sich diese Wohnlandschaft aufbaut, bleibt in der grossmassstäblichen Struktur spürbar, Freiraum wird als integraler Bestandteil von Wohnraum formuliert. Das immanente Zentrum des Grundstücks wird aufgegriffen und als zentraler Treff- und Verteilerpunkt in die harten, kommunikativen Wohngassen weitergeführt. Der den Wohnwinkeln eingeschlossene Bereich fungiert hingegen als weicher Grünerholungsbereich. Im Entwurfsprozess wurden bereits sehr früh Fachverbände wie Pro Velo Schaffhausen und ProNatura eingebunden, um eine ganzheitliche und ökologische Bespielung der Waldlichtung zu erarbeiten.
Naturnah in
der Waldstadt
Die ‘Waldstadt Im Pantli’ ist ein zukunftsweisendes Wohnprojekt an der Grenze zwischen Schaffhausen und Stetten. Auf einer 47.600 m² grossen Waldlichtung entstehen in einem oberirdisch autofreien Areal 214 Wohnungen, die sich mit natürlichen Holzfassaden harmonisch in die Umgebung einfügen. Die Waldstadt wird nach ihrer Fertigstellung SNBS zertifiziert und stellt damit als erste kantonale SNBS Zertifizierung ein Meilenstein für die Schaffhauser Architekturszene dar.
Die neue ‘Waldstadt im Pantli’ entsteht auf einer Parzelle Bauland eingebettet in Waldflächen und sanfte Hügel: Familien, ältere Menschen, Paare und Singles sollen hier gemeinsam wohnen. Gemeinschaftlich nutzbare Räume wie Bistro, Kita und Kindergarten, ein Quartiertreff, ein zentral gelegener Quartierplatz und ein Quartierladen fördern Austausch und Nachbarschaft. Die neue Bushaltestelle ‘Pantli’ sorgt für eine gute Anbindung an Schaffhausen, den Bahnhof und somit auch Richtung Zürich.
Projektentwicklung:
ORE
Dost Architektur
Fachplaner/ Beteiligte:
Auftraggeber: Halter AG
Landschaftsarchitektur: Böe studio
Visualisierungen: Dost Architektur
Vereine: Pro Natura, Pro Velo
Zielgruppe:
Durchmischte Eigentümer
Nutzung:
Wohnsiedlung
Fertigstellung:
Im Bau
Auszeichnungen:
BLT Built Design Awards 2025 Winner
Architecture Masterprize 2025 -Architectural Design
Weitere Informationen:
Waldstadt Im Pantli
Schichten trennen,
Ressourcen schonen
Ein zentrales Erdsondenfeld speist eine Wärmepumpe, die sämtliche Wohnungen über tieftemperierte Fussbodenheizungen versorgt – effizient, verlustarm und im Einklang mit dem architektonischen Konzept. Das Wärmepumpensystem sorgt nicht nur im Winter für einen Temperaturausgleich im Innenraum: Im Sommer bezieht die Pumpe Kälte aus dem Erdinnern, kühlt über die Bodenheizung die Räume und führt diese Wärme in den Energiespeicher unter der Erde für die Wintermonate.
Ergänzt wird das System durch PV-Anlagen auf den Dächern, die nicht nur Allgemeinstrom und Mobilität abdecken, sondern auch direkt die Wärmepumpe speisen. Baukonstruktiv setzt das Projekt auf trennbare Schichten, ökologische Dämmstoffe und zertifiziertes Schweizer Holz. Die Trennung von Haustechnik und Tragstruktur ermöglicht zirkuläres Bauen und reduziert langfristig den Ressourcenbedarf.
Leitideen
Vier Leitideen zur
Gebäudeanordnung
Urbane Gassen – ruderale Wiesen
Die Siedlung schmiegt sich zwei orthogonal zueinanderstehenden Erschliessungs- und Aufenthaltsachsen an. Diese sind dem Langsamverkehr von Fussgängern und Velos vorbehalten. Die Anhäufung der dort stattfindenden Begegnungen, der architektonische Ausdruck der Fassaden sowie die Umgebungsgestaltung verleihen den Gassen einen ‘urbanen’ Charakter. Die gegenüberliegende Seite der Siedlung ist dagegen naturnah und privater mit weitläufigen Wiesen und Aussicht zum Wald.
Zweiseitigkeit der Wohnungen
Alle Wohnungen richten sich unabhängig von ihrer Orientierung nach zwei Seiten hinaus: einerseits zu den Gassen, andererseits zu den ruderalen Wiesen. Dies ermöglicht allen Bewohnenden von unterschiedlichen Graden an Privatsphäre wie auch von verschiedenen Ausblicken zu profitieren und ihr Wohnen nach ihren Bedürfnissen und Wünschen zu gestalten.
Begegnungsachse – Wohnachse
Die beiden Achsen weisen jeweils unterschiedliche Charaktere auf. Die Begegnungsachse in Nord/Süd-Richtung hat eine stark verbindende Funktion zwischen den belebten Plätzen der Siedlung. Sie ist damit ein Ort des Kontakts und Austausches zwischen den Bewohnenden im Alltag. In der Wohnachse in Ost/West-Richtung findet weniger Bewegung statt, wodurch sie einen ruhigeren und etwas privateren Wohncharakter bekommt.
Vielfältiges Wohnungsangebot
Die Siedlungsstruktur ermöglicht einen vielfältigen Wohnungsmix mit repetitiven Elementen. Dadurch wird eine breite Mieterschaft angesprochen. Der Quartierplan sieht bewusst geringe Geschossigkeiten von zwei bis vier Vollgeschossen vor und schafft natürlich belichtete Räume in einem menschlichen Massstab. Die Gebäudekörper sind ablesbar, fördern die Identifikation des Bewohners innerhalb der Bebauung und sind verknüpft über offene Treppenhäuser, was ein Nachbarschafts- und Sicherheitsgefühl schafft.
Resultat
Rückzug, Begegnung
und Natur im
Gleichgewicht
Um das restliche Areal für eine Magerwiese mit Baumbestand nutzen zu können, wurde die Erschliessung unterirdisch über eine Tiefgarage gelöst. Ihre Decke wurde so verstärkt, dass das darüberliegende Erdreich die Pflanzung von Bäumen zulässt.
Die Gebäude verfügen über zwei Balkonfronten, die so gestaltet sind, dass sich die Bewohner bewusst vom Trubel der Überbauung zurückziehen und ins Freie blicken können. Gleichzeitig schafft eine Nord-Süd-Achse der gesamten Überbauung eine öffentliche Begegnungszone, die durch gezielte Begrünung ergänzt wird – das fördert die Aufenthaltsqualität und eine vielfältige Nutzung des Aussenraums. Beim Bau des Holzanteils wurde ausschliesslich Schweizer Holz verwendet, und es kamen regionale Materialien und Produkte zum Einsatz. Die Dachflächen sind mit Ausnahme der Schattenzonen vollständig mit Photovoltaikanlagen belegt. Diese versorgen nicht nur den Strombedarf der Wohnungen, sondern auch der gesamten Anlage – inklusive Aussenbeleuchtung, E-Ladestationen und mehr.
Die Waldstadt im Pantli begreift Biodiversität als integralen Bestandteil ihrer räumlichen und atmosphärischen Qualität. Die Freiraumgestaltung orientiert sich am naturnahen Bild des lichten Waldes, wie er für den Randen in Schaffhausen typisch ist. Die Vegetation darf wachsen, altern und in jedem Entwicklungsstadium lebendig wirken. Die extensive Pflege der Magerwiesen schafft wertvolle Lebensräume für Insekten und Pflanzen. Die zentrale Insel wird selten und gezielt gemäht, um Rückzugsräume zu bewahren und die Artenvielfalt zu fördern.
Auch das Baumkonzept folgt diesem Ansatz – gepflanzt werden ausschliesslich einheimische Arten mit heterogener Altersstruktur und möglichst standortgerecht. Neben dem ökologischen Wert tragen die Bäume zur natürlichen Kühlung bei und schaffen eine physische wie emotionale Nähe zum angrenzenden Wald.
Der Topos des lichten Waldgartens bietet Raum für spontane Besiedelung durch Tiere oder für fortlaufende partizipative Ergänzungen. Die Aussenbeleuchtung agiert bewusst reduziert und in einem warmen Ton, sie ist fledermausfreundlich und stört nachtaktive Tiere minimal. Die Dächer werden von einer artenreichen Dachbegrünung belegt, die wiederum sowohl das Mikroklima verbessert als auch weiteren Pflanzen- und Insekten-Arten Lebensraum bietet.
Das gesamte Begrünungskonzept versteht sich nicht als rein dekoratives Element, sondern als ernst gemeinter Beitrag zur ökologischen Qualität des Ortes: robust, pflegeleicht, wandelbar und auf lange Dauer gedacht. Die Biodiversität soll nicht nur erhalten, sondern in der Waldstadt auch erfahrbar werden.